HORMONLABOR

Wenn das Stillhormon stört — Hyperprolaktinämie verständlich erklärt

Prolaktin ist das Hormon, das nach der Geburt die Milchbildung anschiebt. Steigt sein Spiegel ohne Schwangerschaft an, kann das harmlos sein — oder Hinweis auf einen kleinen Tumor an der Hypophyse. Was wirklich wichtig ist.

By Univ.-Prof. Dr. Peter Frigo, Gynäkologe · Hormonspezialist5 min read
Wenn das Stillhormon stört — Hyperprolaktinämie verständlich erklärt
Ein erhöhter Prolaktinwert ist eine ernstzunehmende, aber meist gut behandelbare Befundkonstellation.

Eine 31-jährige Patientin kommt mit einem Symptomtrio in die Sprechstunde, das ich oft sehe: unregelmäßige Periode, milchig-wässrige Sekretion aus der Brust, sinkende Libido. Sie ist nicht schwanger, sie stillt nicht, sie nimmt keine ungewöhnlichen Medikamente. Wir messen Prolaktin — er liegt bei 78 ng/ml, deutlich über der Norm.

Diese Konstellation kommt häufiger vor, als Patientinnen vermuten. Hyperprolaktinämie ist eine der häufigsten endokrinen Ursachen für Zyklusstörungen, ungeklärte Galaktorrhoe und ungeklärte Infertilität — und gleichzeitig eine der am unkompliziertesten behandelbaren.

Was Prolaktin macht

Prolaktin wird in der Hypophyse gebildet, die zentrale Schaltstelle der hormonellen Achse im Schädel. In der Schwangerschaft und Stillzeit fährt sein Spiegel hoch und initiiert die Milchbildung. Dieselben Konzentrationen unterdrücken die Ovulation — eine biologische Pause, damit nicht inmitten der Stillzeit eine neue Schwangerschaft beginnt.

Außerhalb dieser Lebensphase soll Prolaktin niedrig sein. Steigt er an, wirkt derselbe ovulationsbremsende Mechanismus auch dort — und produziert das klinische Bild: seltene oder ausbleibende Periode, Galaktorrhoe, niedriges Östradiol, Libidoverlust und in manchen Fällen Knochendichteminderung.

ca. 1 von 1.000Frauen im reproduktiven Alter hat eine relevante Hyperprolaktinämie — die häufigste Ursache ist ein gutartiges Mikroadenom oder eine Medikamentennebenwirkung (Endocrine Society 2022)

Die Ursachen, in der Reihenfolge ihrer Häufigkeit

Medikamente. Viele Antidepressiva, Antipsychotika, manche Antiemetika und einzelne Magensäureblocker erhöhen Prolaktin. Vor jeder weiteren Diagnostik gehört die Medikamentenliste auf den Tisch.

Stress und Belastung. Eine einmalige, mäßige Erhöhung kann Folge eines stressigen Tages, einer Schmerzepisode oder körperlicher Belastung kurz vor der Blutabnahme sein. Ein einzelner Wert ist keine Diagnose — eine Wiederholung in Ruhe gehört dazu.

Hypothyreose. Eine Schilddrüsenunterfunktion führt zu erhöhtem TRH, das wiederum Prolaktin stimuliert. Eine TSH-Bestimmung ist obligat.

Mikroprolaktinome. Kleine, gutartige hormonproduzierende Hypophysentumoren unter zehn Millimetern Größe. Häufiger als die meisten Patientinnen vermuten — und in der überwiegenden Mehrzahl medikamentös bestens behandelbar.

Makroprolaktinome. Größere Tumoren über zehn Millimeter. Hier kann die Lage neben der hormonellen auch eine raumfordernde Komponente haben — Sehfeldausfälle, Kopfschmerzen, Beeinträchtigung anderer Hypophysenhormone.

Makroprolaktin — eine Laborbesonderheit. Bei manchen Patientinnen finden sich biologisch inaktive Prolaktinaggregate, die im Routineassay als Prolaktin gemessen werden, klinisch aber irrelevant sind. Eine PEG-Fällung im Speziallabor klärt diese Frage.

Ein einzelner erhöhter Prolaktinwert ist ein Anlass, nicht eine Diagnose. Wer hier zu schnell ein MRT verschreibt, behandelt das Labor — nicht die Patientin.

Univ.-Prof. Dr. Peter Frigo

Die Diagnostik in drei Schritten

  1. Wert wiederholen in Ruhe, nüchtern, nicht nach Brustuntersuchung oder Geschlechtsverkehr — beides kann Prolaktin akut erhöhen.
  2. Differenzialdiagnostik: TSH, Medikamentenanamnese, gegebenenfalls Makroprolaktin-Klärung.
  3. Bildgebung der Hypophyse mittels MRT, wenn Werte deutlich erhöht bleiben oder klinische Hinweise auf eine raumfordernde Läsion bestehen.

Die Behandlung — fast immer medikamentös

Mikroprolaktinome und symptomatische Hyperprolaktinämien werden mit Dopaminagonisten behandelt. Cabergolin ist heute Mittel der Wahl: ein- bis zweimal pro Woche eingenommen, gut verträglich, mit hervorragender Effektgröße. Bei der Mehrheit der Patientinnen normalisiert sich der Prolaktinspiegel innerhalb weniger Wochen, der Tumor schrumpft, die Periode kehrt zurück, die Galaktorrhoe verschwindet.

80–90 %Therapieerfolg unter Cabergolin bei Mikroprolaktinomen — operative Eingriffe sind heute die seltene Ausnahme (Endocrine Society Guideline 2024)

Operative Eingriffe an der Hypophyse sind selten geworden. Sie kommen bei Cabergolin-Unverträglichkeit, bei zystischer Tumorkonfiguration oder bei akuten neurologischen Komplikationen in Frage. Die Strahlentherapie spielt eine noch kleinere Rolle.

Was ich Patientinnen am Ende sage

Drei Sätze, die das Wichtigste zusammenfassen:

  1. Eine Hyperprolaktinämie ist kein medizinisches Schreckensszenario. Sie ist häufig, gut diagnostizierbar und in den allermeisten Fällen ausgezeichnet behandelbar.
  2. Ein einmal erhöhter Wert ist kein Tumor. Er ist ein Anlass, sauber abzuklären — beginnend bei der Medikamentenliste, der Schilddrüse und einer Wiederholungsmessung.
  3. Die Therapie ist eine Erfolgsgeschichte der Endokrinologie. Cabergolin hat in den letzten dreißig Jahren operative Eingriffe weitgehend überflüssig gemacht — eine seltene gute Nachricht in der Medizin.
Hormonlabor mit Reagenzgläsern
Ein gut interpretierter Hormonwert ersetzt manchmal eine MRT — ein schlecht interpretierter ersetzt sie nie.

Was ich nicht akzeptiere: das pauschale „Sie haben halt etwas hohe Hormone, kommen Sie in einem Jahr wieder." Wer Prolaktin in den klinisch relevanten Bereich misst, gehört abgeklärt — nicht hingehalten.

Univ.-Prof. Dr. Peter Frigo leitet die Hormonambulanz an der MedUni Wien und betreut gemeinsam mit der endokrinologischen Abteilung Patientinnen mit Hypophysenstörungen.