In meiner Sprechstunde liegt vor mir ein Speichelhormonprofil. Es ist auf einem schön gestalteten Bogen ausgedruckt, mit einer farbigen Skala. Östradiol „im oberen Normbereich". Progesteron „erniedrigt". Das beigelegte Blatt nennt das Befundmuster: Östrogendominanz. Empfohlene Therapie: bioidentisches Progesteron als Creme, dazu „Hormon-Coaching", monatlich kontrolliert.
Die Patientin kommt zu mir, weil sie mir vertraut — und weil sie wissen will, was davon stimmt. Sie ist 41, hat zwei Kinder, einen anstrengenden Beruf, leichte zyklische Brustspannung, gelegentliche Schlafprobleme, manchmal das Gefühl, „nicht ganz im Lot" zu sein. Sie hat in einem Bekanntenkreis vermehrt das Wort „Östrogendominanz" gehört. Sie ist mit echten Beschwerden gekommen — und wurde mit einem Befund konfrontiert, der wissenschaftlich nicht trägt.
Über diese Konstellation will ich schreiben. Nicht, weil die Beschwerden nicht real wären. Sondern weil sie eine bessere Erklärung verdienen.
Was „Östrogendominanz" eigentlich behaupten will
Der Begriff stammt nicht aus der akademischen Endokrinologie. Er wurde in den 1990er-Jahren vom amerikanischen Arzt John Lee popularisiert und beschreibt eine angebliche Konstellation, in der das Verhältnis Östrogen zu Progesteron zugunsten des Östrogens verschoben sei — auch wenn der absolute Östrogenwert nicht erhöht ist. Die postulierten Folgen: prämenstruelle Beschwerden, Reizbarkeit, Wassereinlagerung, Gewichtszunahme, Brustspannen, Myomwachstum, Endometriose, Schilddrüsenprobleme, Schlafstörungen — die Liste ist nahezu beliebig erweiterbar.
Genau das ist das erste diagnostische Problem. Eine „Diagnose", die alles zugleich erklärt, erklärt nichts mehr. Sie ist epistemisch schwach.
Warum die Endokrinologie diesen Begriff nicht verwendet
Die wissenschaftliche Endokrinologie misst Hormone, vergleicht sie mit zyklusabhängigen Referenzbereichen und benennt Abweichungen klar: Hypoöstrogenämie, Hyperöstrogenämie, Lutealinsuffizienz, Anovulation, hyperprolaktinämische Zyklusstörung, klimakterischer Hormonbefund. Jeder dieser Begriffe hat eine definierte Messmethode, ein referenzielles Verteilungsmuster und eine empirisch belegte Therapieoption.
„Östrogendominanz" hat das nicht. Sie ist ein Sammelbegriff für unterschiedliche Konstellationen, deren gemeinsamer Nenner ein behauptetes Ungleichgewicht ist — definiert über Speichelhormonwerte, deren Aussagekraft zumindest umstritten ist, oder über Symptome, die multifaktoriell sind.
Wer Hormone in einer Vielzahl von Symptomen erkennt, liegt manchmal richtig. Wer eine einzelne Diagnose für die Vielzahl postuliert, liegt fast immer falsch.
Die methodischen Probleme im Detail
Speichelhormonmessungen sind nicht zuverlässig
Speichel-Hormonprofile werden in den meisten populären Östrogendominanz-Konzepten als diagnostische Grundlage verwendet. Die wissenschaftliche Bewertung ist deutlich: Speichelmessungen für Östradiol und Progesteron schwanken erheblich, sie sind abhängig von Tageszeit, Probenahme, Lagerung, Begleitnahrung — und sie korrelieren nur mäßig mit den biologisch wirksamen Plasmaspiegeln, die wir endokrinologisch verwenden.
Die Endocrine Society, die European Society of Endocrinology und die DGE haben mehrfach Stellung genommen: Speichelhormonprofile haben in der Routinediagnostik der Frauenmedizin keinen Stellenwert. Sie sind weder validiert für Therapieentscheidungen noch reproduzierbar in Verlaufskontrollen.
Die Konzentrationswerte sind oft willkürlich
Wer ein Speichelhormonprofil ausdruckt, liest auf demselben Blatt einen „Normbereich" und einen „Optimalbereich". Letzterer ist häufig nicht aus großen Bevölkerungsstichproben abgeleitet, sondern aus der Theorie der jeweiligen Anbieter — und damit zirkulär. Wer das „Optimum" definiert, kann jederzeit feststellen, dass es nicht erreicht wird.
Symptomzuschreibungen sind unspezifisch
Reizbarkeit, Müdigkeit, Schlafstörungen, leichtes Gewichtsplus, Brustspannen, prämenstruelle Beschwerden — das sind Symptome, die in einer hektischen Lebensphase mit Schlafmangel, beruflicher Belastung und unregelmäßigem Essen jede zweite Frau zwischen 35 und 50 hat. Sie sind nicht Ausdruck einer einzigen hormonellen Achse, sondern ein multifaktorielles Bild.
Was wirklich hinter den Beschwerden stecken kann
Die Symptome, die unter „Östrogendominanz" subsumiert werden, haben oft echte, behandelbare Ursachen. Sie heißen nur anders.
Prämenstruelles Syndrom (PMS) und prämenstruelle dysphorische Störung (PMDD)
Etwa 70 bis 80 Prozent aller menstruierenden Frauen erleben zyklusabhängige Beschwerden. 3 bis 8 Prozent erfüllen die Kriterien einer prämenstruellen dysphorischen Störung. Die zugrunde liegende Pathophysiologie ist nicht ein Östrogen-Progesteron-Verhältnis, sondern eine Empfindlichkeit gegenüber den normalen zyklischen Hormonschwankungen — vermittelt über das GABAerge und serotonerge System des Gehirns.
Therapieoptionen sind klar definiert: niedrigdosierte SSRI in der Lutealphase, kombinierte Pille mit Drospirenon, in schweren Fällen GnRH-Analoga. Eine „Progesteron-Creme" auf den Oberschenkel hat keinen belastbaren Effekt nachgewiesen.
Lutealphasendefekt
Eine echte Insuffizienz der zweiten Zyklushälfte gibt es. Sie zeigt sich in einer verkürzten Lutealphase unter zehn Tagen, in einem im Zyklusverlauf gemessenen Progesteron unter 5 ng/ml am Tag 21, und sie ist oft mit anovulatorischen Zyklen oder Hyperprolaktinämie assoziiert. Die Diagnose stellt man mit Bluttest und Zyklusmonitoring, nicht mit einer Speichelprobe. Therapie: meist die Behandlung der Grundursache (Schilddrüse, Prolaktin, Stress), in Einzelfällen mikronisiertes Progesteron oral.
Perimenopause
In den fünf bis zehn Jahren vor der Menopause kommt es zu schwankenden, manchmal sogar erhöhten Östrogenspiegeln bei gleichzeitig nachlassender Progesteronproduktion durch zunehmend anovulatorische Zyklen. Genau das ist endokrinologisch oft das, was unter „Östrogendominanz" beschrieben wird — nur dass es eine viel präzisere und behandelbare Diagnose hat: perimenopausale Hormondysbalance. Die Therapie reicht von zyklischer Gestagengabe bis zur kombinierten Hormonersatztherapie. Sie ist evidenzbasiert, gut belegt und nicht „bioidentisch" verkauft, sondern medizinisch zugelassen.
Schilddrüsenfunktionsstörungen
Hashimoto-Thyreoiditis und subklinische Hypothyreose verändern den SHBG-Spiegel, die freie Östrogenfraktion und die Lutealphase. Müdigkeit, Stimmungstief, Brustspannen, Wassereinlagerung — das passt in das Bild „Östrogendominanz" und ist doch in vielen Fällen schlicht eine Schilddrüsenfunktionsstörung. Wer den TSH und die Antikörper nicht prüft, übersieht das.
Insulinresistenz und PCOS
Bei Frauen mit PCOS oder beginnender Insulinresistenz wird im Fettgewebe vermehrt Östron aus Androgenen gebildet, gleichzeitig sinkt SHBG, die freie Hormonfraktion steigt. Das Symptommuster ähnelt der „Östrogendominanz", die Behandlung ist eine völlig andere — Insulinsensibilisierung, nicht Progesteron-Ersatz.
Wo Progesteron tatsächlich gehört
Ich verschreibe regelmäßig Progesteron — und zwar mikronisiertes, oral oder vaginal anwendbares Progesteron, ein zugelassenes Arzneimittel mit pharmakokinetischer Datenlage. Indikationen sind klar:
- Endometriumschutz bei kombinierter Hormonersatztherapie nach den Wechseljahren
- Lutealphasenunterstützung bei dokumentierter Insuffizienz, besonders im Kinderwunsch und in der Frühschwangerschaft
- Therapie bei prämenstrueller dysphorischer Störung in ausgewählten Fällen
- Zyklusregulation bei perimenopausaler Hormondysbalance
Was ich nicht verschreibe: handgemixte Progesteroncremes aus Apothekenhinterzimmern in unspezifischer Indikation, transdermale Progesteronöle, Progesteronpastillen ohne Resorptionsdaten. Das sind keine bioidentischen Hormontherapien — das sind unkalibrierte Pharmazeutika ohne belastbare Wirkstoffspiegel.
Echtes Progesteron ist ein wirksames Medikament. Aber es wird zu oft an Frauen verschrieben, die es nicht brauchen — und zu selten an Frauen, die es brauchen.
Was die Frau ernst nimmt — und was sie nicht abspeisen sollte
Eine Patientin, die mit Beschwerden in eine Sprechstunde kommt und mit „Östrogendominanz" nach Hause geht, bekommt zwei Dinge: ein Etikett für ihr Befinden und das Gefühl, ernst genommen zu werden. Beides ist menschlich verständlich. Beides ist diagnostisch wertlos, wenn die Kategorie nicht wissenschaftlich ist.
Der Unterschied zwischen guter Frauenmedizin und diagnostischer Etikettierung ist nicht, dass die eine die Beschwerden ernster nimmt. Der Unterschied ist, dass sie eine Diagnose erlaubt, die zur richtigen Therapie führt. Eine „Östrogendominanz" führt zu Progesteron-Creme. Eine perimenopausale Hormondysbalance führt zur überlegten Hormonersatztherapie. Ein PMS führt zu zyklischem SSRI oder zur Drospirenon-Pille. Eine Hashimoto-Hypothyreose führt zu Levothyroxin. Eine Insulinresistenz führt zu Lebensstil und ggf. Metformin oder Inositol.
Was Patientinnen tun können — und nicht tun sollten
Drei pragmatische Empfehlungen aus der Sprechstunde:
Erstens: Nehmen Sie Speichelhormonprofile mit Vorsicht. Sie sind in der Frauenmedizin nicht validiert. Wenn Ihnen ein Befund eine „Dysbalance" attestiert, der auf Speicheldaten beruht, fragen Sie nach einer Bluthormonanalyse — sie ist günstiger, präziser und reproduzierbar.
Zweitens: Akzeptieren Sie keine handgemixten Hormoncremes ohne pharmakokinetische Daten. Wenn ein Progesteron-Präparat hilft, dann ein zugelassenes Medikament — keine Apothekenrezeptur ohne Bioverfügbarkeitsangabe.
Drittens: Bestehen Sie auf einer differenzierten Abklärung. Ihre Beschwerden sind real. Sie verdienen eine echte Diagnose, keine Sammeletikette.
Was ich aus dreißig Jahren Hormonambulanz weiß
In den dreißig Jahren, die ich Frauen mit hormonellen Beschwerden behandle, habe ich keine einzige Patientin gesehen, deren Beschwerden sich allein durch die Diagnose „Östrogendominanz" und die zugehörige Therapie nachhaltig gebessert hätten — und es ist nicht so, dass es an meinen Augen lag. Was sich gebessert hat, waren echte endokrinologische Probleme, die einen anderen Namen tragen.
Frauenmedizin verdient Genauigkeit, nicht Sammelbegriffe. Sie verdient zugelassene Medikamente, nicht handgerührte Cremes. Sie verdient ein Gespräch, das Symptome ernst nimmt, ohne sie in eine Modediagnose zu pressen. Genau das ist mein Anspruch — und genau dafür schreibe ich diesen Text.
Univ.-Prof. Dr. Peter Frigo leitet die Hormonambulanz an der Universitätsklinik für Frauenheilkunde der MedUni Wien und ist gerichtlich beeideter Sachverständiger für Frauenheilkunde und Geburtshilfe.
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