In den dreißig Jahren, die ich jetzt an der Wiener Hormonambulanz Frauen mit Polyzystischem Ovarialsyndrom behandle, hat sich an einer Sache wenig geändert: Die meisten Patientinnen kommen zu mir mit der Vorstellung, sie hätten „etwas an den Eierstöcken". Sie haben Recht — und doch greift dieses Bild zu kurz.
PCOS ist keine isolierte Zyklusstörung. Es ist eine systemische, hormonelle und metabolische Erkrankung, die sich am Eierstock zeigt, aber im Insulinstoffwechsel beginnt. Wer das nicht versteht — und das gilt leider auch für manche Kolleginnen und Kollegen —, behandelt Symptome statt Ursachen.
Die Zahlen, mit denen wir arbeiten
Die genauen Prävalenzangaben schwanken je nach Definition, aber die seriösen internationalen Schätzungen sind erstaunlich konsistent: Zwischen 8 und 13 Prozent aller Frauen im reproduktiven Alter erfüllen die diagnostischen Kriterien. In meiner Ambulanz sehe ich rund 1.200 PCOS-Patientinnen pro Jahr — und ich bin nicht der einzige Hormonspezialist in Wien.
Bezeichnend ist die zweite Zahl: rund 70 Prozent der Betroffenen sind nicht oder unzureichend diagnostiziert. Das hat Folgen, die weit über den Zyklus hinausreichen.
Was wir heute wissen — und was sich geändert hat
Als ich zu Beginn meiner Karriere PCOS behandelt habe, lautete die Lehrmeinung: zu viele Androgene, zu viele Zysten, Pille verschreiben, fertig. Heute wissen wir, dass diese Sicht ungefähr so vollständig ist wie eine Wettervorhersage, die nur die Wolken beschreibt.
PCOS ruht auf drei Säulen, die sich gegenseitig verstärken:
- Hyperandrogenämie — zu viel männliches Hormon, klinisch sichtbar als Akne, Hirsutismus, androgenetischer Haarausfall
- Ovulationsstörung — seltene oder ausbleibende Eisprünge mit unregelmäßigen, oft seltenen Blutungen
- Insulinresistenz — und das ist die Säule, über die zu wenig gesprochen wird
Etwa 70 Prozent aller PCOS-Patientinnen haben eine messbare Insulinresistenz, oft schon im jungen Alter und unabhängig vom Körpergewicht. Schlanke PCOS-Patientinnen sind keine Ausnahme — sie sind eine Untergruppe mit eigener Pathophysiologie.
Wir haben PCOS jahrzehntelang als gynäkologische Erkrankung mit Stoffwechselrandnotiz behandelt. Es ist umgekehrt — eine metabolische Erkrankung mit gynäkologischen Symptomen.
Warum das einen Unterschied macht
Wenn man PCOS als Zyklusproblem behandelt, verschreibt man die Pille und wartet ab. Das funktioniert oberflächlich: Die Blutung wird regelmäßig, die Akne bessert sich. Aber die zugrunde liegende Insulinresistenz wird nicht adressiert. Sie wandert mit der Frau durch ihr Leben und meldet sich später — als Schwangerschaftsdiabetes, als Diabetes mellitus Typ 2, als kardiovaskuläres Risiko, als Endometriumhyperplasie bei jahrelanger Anovulation.
Frauen mit PCOS haben ein zwei- bis vierfach erhöhtes Risiko, im Lebensverlauf einen Diabetes zu entwickeln. Sie haben ein erhöhtes Risiko für nichtalkoholische Fettleber, Hypertonie und subklinische Atherosklerose. Das ist nicht nur ein gynäkologisches, sondern ein internistisches Thema.
Die Lebensstil-Therapie: keine Phrase, sondern Erstmaßnahme
Ich weiß, wie abgedroschen der Satz „mehr Bewegung, weniger Kohlenhydrate" klingt. Aber bei PCOS ist er evidenzbasierte Medizin. Die internationalen Leitlinien der European Society of Endocrinology und der ESHRE benennen Lebensstilintervention seit 2018 explizit als Erstlinientherapie — vor jeder Medikation.
Was funktioniert:
- Bewegung kombiniert — Krafttraining zwei- bis dreimal pro Woche, Ausdauer drei- bis viermal. Muskelmasse ist das wichtigste insulinsensitive Organ, das wir haben.
- Reduktion einfacher Kohlenhydrate — nicht „Low Carb" als Diät, sondern als Prinzip. Glukosepeaks sind der Treibstoff der PCOS-Maschinerie.
- Schlafhygiene und Stressreduktion — Cortisol verschärft die Insulinresistenz. Eine Frau, die sechs Stunden schläft, kann nicht denselben Therapieerfolg haben wie eine, die acht schläft.
- Gewichtsreduktion bei Übergewicht — schon 5 bis 10 Prozent des Ausgangsgewichts können den Zyklus normalisieren und die Eisprungrate verdoppeln.
Wenn Lebensstil nicht reicht: Medikamente, die wir wirklich nutzen
Die Pille hat ihren Platz — aber nicht den ersten. In meiner Sprechstunde verschreibe ich heute deutlich häufiger:
Metformin. Ein altes Antidiabetikum, das die hepatische Glukoseproduktion drosselt und die Insulinsensitivität verbessert. Bei PCOS off-label verwendet, aber gut belegt — besonders bei Kinderwunsch und bei jungen Frauen mit ausgeprägter Insulinresistenz.
Inositol (Myo- plus D-Chiro-Inositol im Verhältnis 40:1). Hier ist die Evidenz inzwischen so deutlich, dass das International Evidence-based PCOS Guideline 2023 Inositol als therapeutische Option führt. Nebenwirkungsarm, gut verträglich, oft mein erster Schritt vor Metformin.
GLP-1-Analoga. In Einzelfällen, bei ausgeprägter Adipositas und Insulinresistenz. Die Datenlage wächst — wir sind hier am Anfang einer neuen therapeutischen Ära.
Die Frau von heute
In meiner Ambulanz erlebe ich täglich, dass die Frau von heute mehr will als „nehmen Sie die Pille, dann passt das". Sie will verstehen, was in ihrem Körper passiert. Sie will Optionen, nicht Verordnungen. Und sie hat Recht damit.
PCOS ist eine Erkrankung, die sich über Jahrzehnte entwickelt — und die man über Jahrzehnte begleiten muss. Sie verschwindet nicht in der Menopause, sie ändert nur ihr Gesicht: Aus dem Zyklusproblem wird ein metabolisches. Wer das früh versteht, kann später viel verhindern.
Was ich Patientinnen mit auf den Weg gebe
Drei Sätze, die ich am Ende fast jedes Erstgesprächs sage:
- PCOS ist nicht Ihre Schuld. Es ist eine genetisch mitbedingte, lebensstilmodulierte Erkrankung — kein Versagen.
- PCOS ist behandelbar, aber nicht heilbar. Das ist keine Tragödie — viele chronische Erkrankungen sind behandelbar, nicht heilbar. Es bedeutet nur: Wir bleiben in Kontakt.
- PCOS bedeutet nicht Unfruchtbarkeit. Die meisten Patientinnen werden schwanger — manche spontan, viele mit minimaler Unterstützung.
Die Erkrankung ist häufig, ernst und beherrschbar — wenn man sie als das versteht, was sie ist. Eine Stoffwechselerkrankung mit Zyklusfolgen. Nicht umgekehrt.
Univ.-Prof. Dr. Peter Frigo leitet seit 2004 die Hormonambulanz an der Universitätsklinik für Frauenheilkunde der MedUni Wien und ist Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Familienplanung.
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