Prof. Klein, Sie sind seit 25 Jahren Kardiologe. Was hat sich in dieser Zeit am meisten verändert?
Die Technik ist besser geworden. Wir können heute Dinge reparieren, die früher tödlich waren. Stents setzen, Herzklappen durch die Leiste ersetzen, das Herz mit Geräten unterstützen. Aber ob die Menschen dadurch gesünder sind? Das bezweifle ich. Wir behandeln immer mehr, aber verhindern immer weniger.
Was meinen Sie damit?
Nehmen Sie Bluthochdruck. Wir haben heute exzellente Medikamente. Der Patient schluckt täglich seine Pille, der Blutdruck sinkt, und alle sind zufrieden. Aber niemand fragt: Warum hat dieser 45-jährige Mann überhaupt Bluthochdruck? Schlechter Schlaf? Chronischer Stress? Drei Kilo Übergewicht zu viel, zu viel Salz? Das sind behandelbare Ursachen. Aber das Gespräch darüber dauert länger als eine Kassenärztliche Viertelstunde.
Wir geben Menschen Medikamente für Erkrankungen, die durch eine andere Lebensweise nicht entstanden wären.
Ist das ein Systemfehler?
Zum Teil, ja. Das Gesundheitssystem honoriert Eingriffe, nicht Gespräche. Eine Bypass-Operation bringt dem System mehr ein als fünf intensive Präventionsgespräche. Das ist pervers, aber es ist die Realität.
Risikofaktoren, die unterschätzt werden
Welche Risikofaktoren werden Ihrer Meinung nach am meisten unterschätzt?
Schlaf. Fast niemand kommt zu mir und sagt: Ich schlafe schlecht, könnte das mein Herz gefährden? Dabei ist chronischer Schlafmangel ein eigenständiger Risikofaktor für Herzinfarkt und Schlaganfall — vergleichbar mit Rauchen.
Dann Stress. Nicht der akute Stress, der verpufft. Sondern der chronische Druck, der nie nachlässt. Der erhöht Cortisol, das erhöht Blutdruck und Entzündungsmarker, das schädigt die Gefäße. Kontinuierlich, über Jahre.
Und Ernährung?
Ernährung ist wichtig, aber komplexer als oft dargestellt. Es geht weniger darum, ob man ein Ei isst oder nicht — sondern ob man drei Mal pro Woche Fast Food isst. Das Gesamtmuster zählt. Die mediterrane Ernährung ist gut belegt. Aber man muss nicht nach Griechenland auswandern — Hülsenfrüchte, Olivenöl, viel Gemüse, wenig rotes Fleisch, das geht überall.
Was jeder tun kann
Was empfehlen Sie Ihren Patientinnen und Patienten konkret?
Nicht rauchen — das ist nach wie vor der stärkste Einzelfaktor. Sich täglich bewegen, mindestens 30 Minuten, und das muss kein Sport sein, zügiges Gehen reicht. Ausreichend schlafen. Und: Die Zahlen kennen. Blutdruck, Cholesterin, Nüchternblutzucker — wer diese Werte nicht kennt, fährt blind.
Was ist die eine Botschaft, die Sie gerne in der Öffentlichkeit verankern würden?
Dass Herzerkrankungen in den meisten Fällen keine unausweichlichen Schicksalsschläge sind. Sie entstehen über Jahrzehnte, durch Entscheidungen, die wir täglich treffen. Das ist keine Schuldzuweisung — das ist eine Einladung. Man hat mehr Einfluss auf sein Herz, als man denkt.
Prof. Dr. Markus Klein leitet die Abteilung für interventionelle Kardiologie an der MedUni Wien. Das Interview wurde im April 2026 geführt.
- LANGLEBIGKEITS-FORSCHUNG
Was die ältesten Menschen der Welt anders machen
Okinawa, Sardinien, Loma Linda — in diesen sogenannten Blue Zones leben Menschen überdurchschnittlich lange und gesund. Was verbindet sie, und was können wir daraus lernen?
- PLACEBOEFFEKT
Wenn der Glaube heilt: Die unterschätzte Macht des Placebos
Placebos gelten als Trickerei. Dabei zeigen aktuelle Studien: Der Glaube an eine Behandlung verändert das Gehirn messbar — und das ist keine Einbildung.