IM GESPRÄCH

"Wir behandeln zu viele Symptome und zu wenig Ursachen"

Prof. Dr. Markus Klein ist Kardiologe an der Medizinischen Universität Wien. Im Gespräch erklärt er, warum Herzerkrankungen oft vermeidbar wären — und was die Medizin falsch macht.

Von Lena Wagner, Redakteurin Gesundheit und Du9 Min. Lesezeit
"Wir behandeln zu viele Symptome und zu wenig Ursachen"
Das Herz sendet Warnsignale lange bevor es zu spät ist — wenn man weiß, worauf man achten muss.

Prof. Klein, Sie sind seit 25 Jahren Kardiologe. Was hat sich in dieser Zeit am meisten verändert?

Die Technik ist besser geworden. Wir können heute Dinge reparieren, die früher tödlich waren. Stents setzen, Herzklappen durch die Leiste ersetzen, das Herz mit Geräten unterstützen. Aber ob die Menschen dadurch gesünder sind? Das bezweifle ich. Wir behandeln immer mehr, aber verhindern immer weniger.

Was meinen Sie damit?

Nehmen Sie Bluthochdruck. Wir haben heute exzellente Medikamente. Der Patient schluckt täglich seine Pille, der Blutdruck sinkt, und alle sind zufrieden. Aber niemand fragt: Warum hat dieser 45-jährige Mann überhaupt Bluthochdruck? Schlechter Schlaf? Chronischer Stress? Drei Kilo Übergewicht zu viel, zu viel Salz? Das sind behandelbare Ursachen. Aber das Gespräch darüber dauert länger als eine Kassenärztliche Viertelstunde.

Wir geben Menschen Medikamente für Erkrankungen, die durch eine andere Lebensweise nicht entstanden wären.

Prof. Dr. Markus Klein

Ist das ein Systemfehler?

Zum Teil, ja. Das Gesundheitssystem honoriert Eingriffe, nicht Gespräche. Eine Bypass-Operation bringt dem System mehr ein als fünf intensive Präventionsgespräche. Das ist pervers, aber es ist die Realität.

Risikofaktoren, die unterschätzt werden

Welche Risikofaktoren werden Ihrer Meinung nach am meisten unterschätzt?

Schlaf. Fast niemand kommt zu mir und sagt: Ich schlafe schlecht, könnte das mein Herz gefährden? Dabei ist chronischer Schlafmangel ein eigenständiger Risikofaktor für Herzinfarkt und Schlaganfall — vergleichbar mit Rauchen.

Dann Stress. Nicht der akute Stress, der verpufft. Sondern der chronische Druck, der nie nachlässt. Der erhöht Cortisol, das erhöht Blutdruck und Entzündungsmarker, das schädigt die Gefäße. Kontinuierlich, über Jahre.

3xhöheres Herzinfarktrisiko bei weniger als 6 Stunden Schlaf pro Nacht (European Heart Journal, 2023)

Und Ernährung?

Ernährung ist wichtig, aber komplexer als oft dargestellt. Es geht weniger darum, ob man ein Ei isst oder nicht — sondern ob man drei Mal pro Woche Fast Food isst. Das Gesamtmuster zählt. Die mediterrane Ernährung ist gut belegt. Aber man muss nicht nach Griechenland auswandern — Hülsenfrüchte, Olivenöl, viel Gemüse, wenig rotes Fleisch, das geht überall.

Was jeder tun kann

Was empfehlen Sie Ihren Patientinnen und Patienten konkret?

Nicht rauchen — das ist nach wie vor der stärkste Einzelfaktor. Sich täglich bewegen, mindestens 30 Minuten, und das muss kein Sport sein, zügiges Gehen reicht. Ausreichend schlafen. Und: Die Zahlen kennen. Blutdruck, Cholesterin, Nüchternblutzucker — wer diese Werte nicht kennt, fährt blind.

Was ist die eine Botschaft, die Sie gerne in der Öffentlichkeit verankern würden?

Dass Herzerkrankungen in den meisten Fällen keine unausweichlichen Schicksalsschläge sind. Sie entstehen über Jahrzehnte, durch Entscheidungen, die wir täglich treffen. Das ist keine Schuldzuweisung — das ist eine Einladung. Man hat mehr Einfluss auf sein Herz, als man denkt.

Herzmodell in einer medizinischen Umgebung
Das menschliche Herz schlägt rund 100.000 Mal pro Tag — und verdient mehr Aufmerksamkeit als wir ihm schenken.

Prof. Dr. Markus Klein leitet die Abteilung für interventionelle Kardiologie an der MedUni Wien. Das Interview wurde im April 2026 geführt.