VORSORGEMEDIZIN

Gynäkologische Vorsorge — was wirklich Sinn macht und was nur ein Ritual ist

Die jährliche „Routine“ ist eine kulturelle Selbstverständlichkeit geworden. Aber nicht alles, was wir untersuchen, hat einen Nutzen — und manches, was nützen würde, fragt niemand ab. Eine ehrliche Bestandsaufnahme aus drei Jahrzehnten Sprechstundenpraxis.

Von Univ.-Prof. Dr. Peter Frigo, Gynäkologe · Hormonspezialist8 Min. Lesezeit
Gynäkologische Vorsorge — was wirklich Sinn macht und was nur ein Ritual ist
Gute Vorsorge ist nicht das Maximum an Untersuchungen, sondern das Richtige zur richtigen Zeit.

Wenn eine Patientin zum ersten Mal in meine Sprechstunde kommt und sagt, sie wolle „die volle Vorsorge", weiß ich, dass wir uns erst einmal über den Begriff unterhalten müssen. Vorsorge ist in den letzten zwanzig Jahren zu einem Marketingwort geworden — manchmal Synonym für „möglichst viele Tests", manchmal Vorwand für teure Zusatzleistungen, fast nie das, was Vorsorge eigentlich sein sollte: die gezielte, evidenzbasierte Untersuchung mit nachweisbarem Nutzen für die einzelne Frau.

In der österreichischen Realität bedeutet das einen ehrlichen Spagat. Auf der einen Seite stehen Programme, die seit Jahrzehnten Leben retten — die zytologische Krebsabstrich-Untersuchung, die Mammographie ab 45, die HPV-Diagnostik. Auf der anderen Seite stehen Angebote, die als „erweitert" oder „ganzheitlich" verkauft werden, ohne dass die Datenlage sie trägt. Patientinnen verdienen, dass jemand diese Linie zieht.

Was Vorsorge tatsächlich bedeutet

Vorsorge im engeren medizinischen Sinn umfasst zwei Dinge: das Erkennen einer Erkrankung in einem Stadium, in dem sie noch heilbar ist, und das Identifizieren von Risikofaktoren, deren Modifikation den Krankheitsverlauf verändert. Alles andere ist Diagnostik bei Symptomen — wertvoll, aber etwas anderes.

3 Erkrankungendominieren die gynäkologische Krebsfrüherkennung mit klarem Nutzen: Zervix-, Brust- und Endometriumkarzinom (DGGG-Leitlinie 2024)

Diese drei sind die Säulen, an denen sich seriöse Vorsorge orientiert. Was darüber hinaus angeboten wird, muss sich rechtfertigen.

Der Pap-Abstrich — und sein moderner Bruder

Der zytologische Abstrich nach Papanicolaou ist eine der erfolgreichsten Vorsorgemaßnahmen der Medizingeschichte. Seit den 1960er-Jahren hat er die Sterblichkeit am Gebärmutterhalskrebs in vielen Ländern um 60 bis 80 Prozent reduziert. Aber er ist nicht das Ende der Geschichte.

Heute wissen wir: Praktisch jeder Gebärmutterhalskrebs entsteht durch eine persistierende Infektion mit Hochrisiko-HPV-Typen. Eine HPV-Diagnostik aus demselben Abstrich erkennt das zugrunde liegende Risiko — nicht nur die zelluläre Folge. Das ist der Grund, warum die internationalen Leitlinien (RCOG, ACOG, ESGO) die HPV-basierte Primärscreening seit Jahren empfehlen.

In Österreich kombinieren wir in der Praxis beides: Pap und HPV in einem Test, oder im Wechsel. Die Kombination erhöht die Sensitivität deutlich, ohne die Spezifität zu zerstören.

Die Brust — Tasten reicht nicht

Das tastende Selbstuntersuchen der Brust hat einen geringeren Stellenwert, als viele Frauen denken. Mehrere große Studien haben gezeigt, dass die alleinige monatliche Selbstuntersuchung die Brustkrebs-Sterblichkeit nicht messbar senkt — sie erhöht aber die Rate falsch-positiver Befunde und unnötiger Biopsien.

Das heißt nicht, sich nicht für den eigenen Körper zu interessieren. Es heißt, dass die wesentliche Vorsorge ab 45 Jahren in der qualitätsgesicherten Mammographie liegt. In Österreich läuft das organisierte Brustkrebs-Früherkennungsprogramm seit 2014 mit zweijährlichen Einladungen für Frauen zwischen 45 und 74 — und es funktioniert.

20–30 %reduzierte Brustkrebssterblichkeit durch organisiertes Mammographie-Screening in der Zielgruppe (Cochrane-Übersichten 2013–2023)

Bei Frauen mit familiärer Belastung (BRCA1/2, frühe Brustkrebsfälle in der nächsten Verwandtschaft) gelten andere Regeln: früherer Beginn, kürzere Intervalle, MR-Mammographie als Ergänzung. Wer eine Großmutter und eine Tante mit Brustkrebs vor der Menopause hat, gehört in die humangenetische Beratung — nicht in das Standardscreening.

Die Gebärmutterschleimhaut — kein Routinethema

Endometriumkarzinome werden meist durch das Symptom „postmenopausale Blutung" entdeckt — und genau dieses Symptom ist der wichtigste diagnostische Wegweiser. Ein Routine-Ultraschall der Gebärmutterschleimhaut bei beschwerdefreien Frauen ist nicht evidenzbasiert.

Anders bei Risikokonstellationen: langjährige Anovulation, Östrogentherapie ohne Gestagenschutz, Tamoxifen, Lynch-Syndrom, ausgeprägte Adipositas. Hier ist eine gezielte Diagnostik gerechtfertigt — bei allen anderen Frauen schaffen Routinevolumetrien mehr Verunsicherung als Klarheit.

Eine seriöse Vorsorge folgt der Wahrscheinlichkeit, nicht der Marketingbroschüre. Wer die Gebärmutterschleimhaut bei jeder Frau jährlich misst, betreibt keine Wissenschaft, sondern Sonographie-Erlebnis.

Univ.-Prof. Dr. Peter Frigo

Was selten gefragt, aber oft sinnvoll wäre

In meiner Sprechstunde stelle ich regelmäßig Fragen, die in Routinekontrollen nicht vorkommen — und die mehr Substanz für die langfristige Gesundheit haben als ein zusätzlicher Ultraschall:

Wie regelmäßig ist Ihr Zyklus? Eine ausführliche Zyklusanamnese ist die billigste, aussagekräftigste endokrinologische Untersuchung, die wir haben. Sie kostet drei Minuten und liefert oft den ersten Hinweis auf Schilddrüsenfunktion, Insulinresistenz, beginnende Wechseljahre.

Welche Verhütung passt zu Ihrer Lebensphase? Eine Frau mit 22 hat einen anderen Bedarf als eine mit 38 oder 47. Ein Verhütungsgespräch alle paar Jahre — nicht das wortlose Wiederrezeptieren der Pille — gehört zum Kern moderner Frauenmedizin.

Wie steht Ihre Knochengesundheit? Eine Knochendichte-Messung mit 50 oder 55 ist bei Frauen mit Risikofaktoren (frühe Menopause, Untergewicht, Familienanamnese, langjährige Cortisoneinnahme) sinnvoll — bei vielen anderen wird sie zu spät gemacht.

Wie ist Ihr Lipidprofil und Ihr Glukosestoffwechsel? Frauenmedizin hört nicht am Becken auf. Ich schicke meine Patientinnen regelmäßig zu einer internistischen Verlaufskontrolle — kardiovaskulär, metabolisch, schilddrüsenseitig.

STI-Screening — das vergessene Kapitel

Während wir das Zervixkarzinom-Screening systematisch betreiben, ist die Diagnostik sexuell übertragbarer Infektionen in der österreichischen Routine erstaunlich lückenhaft. Chlamydien-Infektionen verlaufen bei jungen Frauen oft asymptomatisch — und gehören zu den häufigsten Ursachen tubarer Sterilität ein Jahrzehnt später.

Die WHO empfiehlt seit Jahren ein opportunistisches Chlamydien-Screening sexuell aktiver Frauen unter 25, und wir wären gut beraten, es flächendeckender umzusetzen. Ein Urinabstrich oder vaginaler Selbstabstrich ist eine niederschwellige Untersuchung mit messbarer Wirkung.

Was nicht in die Routinevorsorge gehört

Mit der gleichen Klarheit will ich beschreiben, was ich in meiner Praxis nicht als Vorsorge betreibe — und warum.

Tumormarker im Routineblutbild. CA 125, CA 15-3 oder CEA sind keine sinnvollen Screeningtests bei beschwerdefreien Frauen. Sie produzieren falsch-positive Befunde, lösen unnötige Folgeuntersuchungen aus und finden den Eierstockkrebs nicht früh genug, um den Verlauf zu ändern.

Routine-Ultraschall der Eierstöcke ohne Indikation. Eine flächige Überwachung der Eierstöcke ohne Beschwerden oder Risikofaktoren reduziert die Sterblichkeit am Ovarialkarzinom nicht — das hat die UKCTOCS-Studie eindrücklich gezeigt.

„Ganzheitliche Hormonprofile" ohne klinischen Anlass. Speichelhormonanalysen, kosmische Östrogenkurven, beliebig zusammengestellte Mikronährstoffpaneele — das sind keine Vorsorgemaßnahmen. Sie generieren Befunde, die niemand interpretieren kann, und Therapieempfehlungen, die niemand braucht.

Ärztin im Beratungsgespräch
Eine gute Vorsorge entsteht im Gespräch — nicht durch das Abspulen einer Standardliste.

Die Frau im Mittelpunkt — nicht das Schema

Was ich mir wünsche, ist eine Vorsorge, die zwei Dinge tut: das nachweislich Nützliche zuverlässig anbieten, und alles andere ehrlich kontextualisieren. Eine 28-Jährige mit Kinderwunsch, eine 42-Jährige mit drei Kindern und einer Hashimoto-Diagnose, eine 56-Jährige in der späten Perimenopause — diese drei Frauen brauchen drei unterschiedliche Vorsorgegespräche. Nicht dieselbe Checkliste mit anderen Häkchen.

Die kassenfinanzierte Vorsorgekultur in Österreich ist gut, aber sie ist standardisiert. Die individualisierte Vorsorge — die das Gespräch in den Mittelpunkt stellt — verlangt vom Arzt mehr Zeit, vom System mehr Honorierung und von der Patientin mehr Mitarbeit. Sie ist das, wofür sich die Mühe lohnt.

Univ.-Prof. Dr. Peter Frigo leitet die Hormonambulanz an der MedUni Wien und ist Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Familienplanung.