PROTEIN-MYTHEN

Wie viel Eiweiß ist genug — und wann wird es zu viel?

Protein ist der Ernährungs-Hype der Stunde: Protein-Riegel, Protein-Joghurt, Protein-Brot. Aber brauchen wir wirklich so viel — und schadet zu viel?

Von Sarah Müller, Ernährungswissenschaftlerin6 Min. Lesezeit
Wie viel Eiweiß ist genug — und wann wird es zu viel?
Protein aus echten Lebensmitteln ist besser als aus Shakes — die Datenlage ist eindeutig.

Protein-Riegel im Supermarkt, hochproteinreiche Joghurts in der Molkereiabteilung, Whey-Shakes im Drogeriemarkt — Eiweiß ist das neue Superfood. Aber die Eiweißfixierung der Ernährungsindustrie übertrifft die Wissenschaft bei weitem.

Was Protein wirklich macht

Protein ist essenziell: für Muskelaufbau und -erhalt, für Enzyme und Hormone, für das Immunsystem, für Sättigung. Ohne ausreichend Protein funktioniert der Körper nicht optimal. Aber das Wort „ausreichend" trägt die entscheidende Arbeit in diesem Satz.

Wie viel brauche ich?

Die DGE empfiehlt für Erwachsene 0,8 g Protein pro Kilogramm Körpergewicht täglich. Für eine 70-kg-Person: 56 g Protein pro Tag — erreichbar mit zwei Eiern, einer Portion Hülsenfrüchte und einem Joghurt.

Für Kraft- und Ausdauersportler steigt der Bedarf: 1,2–2,0 g/kg täglich, je nach Intensität und Ziel.

0,8 gProtein pro Kilogramm Körpergewicht täglich — der empfohlene Mindestwert für Erwachsene (DGE)

Der Aufbau-Mythos

„Mehr Protein = mehr Muskeln" ist ein weit verbreiteter Irrglaube. Muskelproteinbiosynthese — der Prozess des Muskelaufbaus — wird ab einer bestimmten Menge nicht weiter gesteigert, egal wie viel mehr Protein zugeführt wird. Studien zeigen: Über 2,2 g/kg täglich bringt kein messbares Mehr an Muskelzuwachs.

Wer 200 g Protein am Tag isst, hat nicht mehr Muskeln als jemand mit 160 g — aber deutlich mehr Kalorien.

Was mit überschüssigem Protein passiert

Protein liefert 4 kcal pro Gramm — genau wie Kohlenhydrate. Überschuss wird nicht einfach ausgeschieden, sondern metabolisiert und kann zu Fettaufbau führen. Außerdem belasten sehr hohe Proteinmengen langfristig die Nieren — relevant besonders für Menschen mit eingeschränkter Nierenfunktion.

Pflanzlich vs. tierisch

Tierisches Protein hat eine höhere biologische Wertigkeit — das bedeutet, der Körper kann es effizienter nutzen. Aber pflanzliches Protein aus Hülsenfrüchten, Tofu, Vollkornprodukten und Nüssen kann genauso effektiv sein, wenn man auf Kombination achtet.

Linsen, Bohnen und andere Hülsenfrüchte
Hülsenfrüchte sind die günstigste und nachhaltigste Proteinquelle — und werden chronisch unterschätzt.

Timing: Macht es einen Unterschied?

Für Leistungssportler ja: Protein nach dem Training unterstützt die Muskelproteinsynthese. Aber das „anabole Fenster" von 30 Minuten nach dem Sport, das Supplement-Werbung suggeriert, ist in der Forschung deutlich weiter gefasst — mehrere Stunden.

Fazit

Die meisten Menschen in Mitteleuropa essen bereits genug Protein — oft sogar zu viel. Wer keinen intensiven Sport treibt und sich halbwegs ausgewogen ernährt, braucht keine Protein-Shakes, -Riegel oder -angereicherten Joghurts.

Wer Sport treibt und Muskeln aufbauen will: etwas mehr, aus echten Lebensmitteln, verteilt über den Tag. So einfach ist es.