HORMONELLE AKNE

Akne bei Teenagerinnen — wann die Dermatologie aufhört und die Gynäkologie beginnt

Pickel mit fünfzehn sind normal. Eine 16-Jährige mit zystischer Akne, vermehrter Körperbehaarung und unregelmäßigem Zyklus ist es nicht. Was Eltern und junge Frauen wissen sollten — und wo eine reine Hautbehandlung systematisch zu kurz greift.

Von Univ.-Prof. Dr. Peter Frigo, Gynäkologe · Hormonspezialist7 Min. Lesezeit
Akne bei Teenagerinnen — wann die Dermatologie aufhört und die Gynäkologie beginnt
Hartnäckige Akne in der Adoleszenz hat häufig eine hormonelle Komponente, die in der Dermatologie allein nicht zu lösen ist.

In meiner Hormonambulanz sitzen pro Woche zwei bis drei junge Frauen zwischen sechzehn und einundzwanzig, die einen langen Weg hinter sich haben: Hausärztin, Dermatologin, mehrere Cremes, eine Antibiotikum-Tablette über Monate, manchmal eine Pille. Nichts hat funktioniert oder die Wirkung war nur vorübergehend. Was kaum jemand vorher gefragt hat: Wie sieht der Zyklus aus, wachsen Härchen über der Oberlippe, ist die Mutter oder Schwester ähnlich betroffen?

Akne ist nicht gleich Akne

Adoleszente Akne ist in der Mehrzahl der Fälle Ausdruck der hormonellen Umstellung in der Pubertät und reguliert sich bis Anfang Zwanzig. Hier reichen lokale Therapien — Adapalen, Benzoylperoxid, gegebenenfalls eine kurzzeitige antibiotische Behandlung — aus.

Es gibt aber eine klinisch klar abgrenzbare Untergruppe: die hormonell getriebene Akne. Sie unterscheidet sich von „normaler Pubertätsakne" durch klinische Marker, die jede Frauenärztin kennt — und die jede Mutter und jede Patientin selbst beobachten kann.

Drei oder mehr dieser Punkte machen eine endokrinologische Abklärung notwendig — nicht eine weitere Cremepackung.

PCOS mit sechzehn — keine Seltenheit, oft übersehen

Das Polyzystische Ovarialsyndrom manifestiert sich häufig im ersten Jahr nach der Menarche. Die Diagnose in der Adoleszenz ist allerdings schwieriger als bei der erwachsenen Frau, weil unregelmäßige Zyklen in den ersten zwei Jahren nach der ersten Periode normal sein können.

≈ 8–13 %aller Frauen im reproduktiven Alter erfüllen die Rotterdam-Kriterien für PCOS — und die Anzeichen beginnen meist in der späten Adoleszenz (ESHRE 2023)

Zur Diagnose gehört: Hyperandrogenämie klinisch oder laborchemisch, Oligo- oder Anovulation und — bei Erwachsenen — polyzystische Ovarien im Ultraschall. Bei Adoleszentinnen zählt der dritte Punkt zurückhaltender, weil polyzystische Ovarmorphologie in dieser Altersgruppe häufig physiologisch ist.

Eine Sechzehnjährige mit zystischer Kinnakne, Zwölf-Wochen-Zyklen und feinem Bart über der Oberlippe braucht keine vierte Antibiotikum-Kur. Sie braucht eine Hormonanalyse.

Univ.-Prof. Dr. Peter Frigo

Was eine endokrinologische Abklärung beinhaltet

Die Basisdiagnostik ist überschaubar und sollte in der frühen Follikelphase (Tag 2–5) erfolgen, nüchtern:

  • Gesamttestosteron, freier Androgenindex, SHBG, DHEAS
  • 17-OH-Progesteron — zum Ausschluss eines spät beginnenden adrenogenitalen Syndroms
  • LH, FSH, Östradiol, Prolaktin
  • TSH und freie Schilddrüsenwerte
  • Nüchterninsulin und HbA1c
  • Vitamin D

Wer diese Werte nicht erhebt, behandelt klinisch im Blindflug.

Therapie: warum die Pille hier wirklich indiziert ist

Bei nachgewiesener hormoneller Akne mit Hyperandrogenämie ist die kombinierte Pille keine Verlegenheitslösung, sondern Erstlinientherapie nach internationalen Leitlinien. Bevorzugt werden Präparate mit antiandrogen wirksamen Gestagenen wie Cyproteronacetat, Dienogest oder Drospirenon.

Die Wirkung beginnt nach drei bis sechs Monaten und ist meist deutlich. Was zu Beginn jeder Verschreibung gehört: ein klares Gespräch über Risiken — VTE, Stimmung, Libido — und über die Frage, wie lange die Therapie geplant ist.

Antiandrogene jenseits der Pille

Bei deutlicher Hyperandrogenämie und unzureichender Pillenwirkung — oder bei Pillenkontraindikation — kommen ergänzende antiandrogene Therapien zum Einsatz: Spironolacton off-label, in seltenen Fällen Finasterid bei androgenetischem Haarausfall. Diese Therapien gehören in spezialisierte Hände, nicht in die Hausarztpraxis.

Isotretinoin — und der Stolperstein, der Karrieren beendet

Bei schwerer, vernarbender Akne ist orales Isotretinoin (Aknenormin, Roaccutan) das wirksamste Medikament, das die Dermatologie kennt. Die Erfolgsrate liegt über 80 Prozent dauerhafter Verbesserung.

Was nicht verhandelbar ist: Isotretinoin ist hochgradig teratogen. Eine Schwangerschaft unter Therapie führt zu schwersten Fehlbildungen. Das Schwangerschaftspräventionsprogramm verlangt bei jungen Frauen eine sichere Verhütung — nicht „Kondome", sondern eine hocheffektive Methode mit einem zusätzlichen Backup über die gesamte Therapiezeit plus einen Monat danach.

≥ 30 %der schweren Aknefälle mit Isotretinoin-Indikation laufen ohne adäquate gynäkologische Begleitberatung — eine Quelle vermeidbarer Schwangerschaftskomplikationen (Daten aus europäischen Pharmakovigilanzregistern)

In meiner Sprechstunde sehe ich diese Lücke regelmäßig: Eine 18-Jährige bekommt Isotretinoin verschrieben, ohne dass ihre Verhütung jemals systematisch besprochen wurde. Das ist kein dermatologisches Versäumnis allein — das ist eine Schnittstelle, die nur funktioniert, wenn beide Fächer miteinander reden.

Was Eltern und junge Frauen tun können

Was ich jungen Patientinnen sage

Die Hautoberfläche ist oft das Letzte, was sich beruhigt — aber das Erste, was angeschaut wird. Wer die Ursache versteht, ist nicht nur kosmetisch schneller am Ziel, sondern hat oft den ersten Hinweis auf eine endokrine Konstellation, die ohnehin Aufmerksamkeit verdient. Akne in der Adoleszenz, die nicht reagiert, ist keine Bagatelle. Sie ist ein klinisches Signal, das man hören kann, wenn man die richtigen Fragen stellt.

Univ.-Prof. Dr. Peter Frigo leitet seit 2004 die Hormonambulanz an der MedUni Wien und behandelt regelmäßig junge Frauen mit hormonell getriebenen Hautmanifestationen.